Verantwortlich leben in der DemokratieDr. Joachim Gauck sprach beim Neujahrsempfang des Kirchenkreises(dwo) Joachim Gauck fasziniert durch seine Sprache. Sie ist klar, zuweilen flapsig, aber sie untergräbt niemals die Ernsthaftigkeit seiner Botschaft. Davon konnten sich die gut 260 geladenen Gäste des Neujahrsempfangs am Freitag überzeugen. Die St. Petri-Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der erste „Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatsicherheit der ehemaligen DDR“ war als Gastredner eingeladen worden. Er sprach zu dem Thema: „20 Jahre ein Volk – Wie steht es um die deutsche Einheit?“. Zunächst malte er diesbezüglich die Gegenwart in düsteren Farben. Nicht wenige Menschen in Ost und West bemängelten die aktuelle Lage und wünschten sich sogar die Mauer wieder. „Der große Schwung von 1989 ist uns ganz und gar abhanden gekommen“, resümierte der ehemalige Rostocker Pastor und Mitbegründer des Neuen Forums. Zudem sieht er in Deutschland (auch wenn das vonseiten der Politik gerne verleugnet würde) nach wie vor eine Unterteilung in „Ossis“ und „Wessis“. Hinzu komme eine noch viel tiefere Spaltung unter den Ostdeutschen: nämlich zwischen den Menschen, die in der demokratischen Gesellschaft angekommen sind, und denen, die auch 20 Jahre nach dem Mauerfall Demokratie erst noch lernen müssen. Dass es bei vielen ostdeutschen Menschen noch immer eine ganz andere Mentalität gebe, führte Gauck mit vielen lebendigenBeispielen auf das Leben in der sozialistischen Diktatur zurück. „Pass dich an, dann geht’s dir gut.“ sei das Motto vieler gewesen, nur wenige hätten Verantwortung übernommen. Dieses Unwissen über den Umgang mit Verantwortung wirke bis heute nach, besonders in einer freien und offenen Gesellschaft. Gerade deshalb werde wohl noch für einige Zeit eine die Menschen „ermächtigende“ Politik benötigt, damit demokratisches und d.h. verantwortliches Denken sich in der Gesellschaft verfestige. Denn der Mensch sei schließlich von Gott dazu geschaffen, Verantwortung zu übernehmen und in der Bezogenheit auf die Welt zu leben. In der heranwachsenden Generation sieht Gauck dafür Potential, denn diese nehme bereits in der Schule mittels Schülerzeitung und frei gewählter Klassensprecher demokratische Elemente in sich auf. Zuvor hatte Superintendent Dr. Helmut Blanke die anwesenden Gäste begrüßt und ihnen für ihre Mitarbeit in der Kirche und ihre Arbeit mit der Kirche gedankt. In seiner Ansprache verwies er auf die Worte der Jahreslosung: „Euer Herz erschrecke nicht.“ Da aus biblischer Sicht das Herz der Sitz der Vernunft sei, ermutigten sie dazu, unerschrocken zu denken und mitzudenken. „Kirche muss sich einmischen von ihrem Auftrag her“, so der leitende Theologe. Daher müsse die Kirche auch ab und an beunruhigende Worte sprechen, bei alledem aber stets "ihre Verantwortung wahrnehmen auch jenen Menschen gegenüber, die bewusst als Christen in Politik und Militär Verantwortung tragen und entscheiden müssen." Kreiskantor Reinhard Gundlach an der Orgel und Boris Havkin an der Trompete verliehen durch ihre Musik dem Empfang in gewohnter Weise einen prächtigen und feierlichen Akzent. © Evang.-luth. Kirchenkreis Buxtehude Letzte Änderung: 06. 02. 2010 |
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