Pastor Thomas Haase

Über Mauern springen

Angespannt und unsicher stehe ich auf dem leeren Innenhof eines kanadischen Hochsicherheitsgefängnisses. Die schweren Türen hinter mir sind verschlossen. Für einen Moment endet meine Welt an der Gefängnismauer. Nach und nach füllt sich der Innenhof mit Menschen. Stumpf ziehen sie ihre Runden entlang der hohen Betonmauern. Ich bin nervös, soll ich doch in einer Stunde meinen ersten Gottesdienst hier im Gefängnis halten. Zunächst sitzen alle ruhig auf ihren Stühlen. Doch bei der ersten Lesung schlägt die Stimmung plötzlich um: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18). „Sie haben gut reden. Nach Feierabend sind Sie hier wieder raus.“, entgegnet mir ein älterer Mann zornig. Er ist, wie ich später erfahre, schon über zehn Jahre im Gefängnis. Einige Wochen später spricht er mich nachdenklich an: „Im Leben steht jeder Mensch vor Mauern. In keinerlei Weise eingeschränkt zu sein, ist praktisch nicht möglich. Die Frage ist also nicht, ob wir begrenzt sind, sondern wie wir damit umgehen.“ Im Gefängnis kann der Wunsch nach Freiheit nach einigen Jahren zur Angst vor der Freiheit werden.

In diesen Tagen handeln die Nachrichten häufig von Mauern. Aber nicht von „Mauerfall“, wie Ende der 80er, sondern von „Mauerbau“. Manchmal bekomme ich Angst. Was passiert, sollte ein Streit eskalieren? Manchmal packt mich die Wut: Warum kann die Welt nicht gemeinsam Probleme angehen? „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. Darauf hoffe ich. Auch wenn jemand darüber lacht.

Pastor Thomas Haase in der Kolumne der Kirchen im Stader und Buxtehuder Tageblatt