Pastor Lutz Tietje

Der alte Silvester

Als der alte Silvester zu Besuch kommt, decke ich gerade den Tisch. Am letzten Tag des Jahres ist ja noch so viel zu tun. Meine Wohnung ist ein heilloses Durcheinander, wie immer. Alles, was sich das ganze Jahr über angesammelt hat, liegt noch wild umher. Aber der alte Silvester kennt es nicht anders bei mir. Der treue Alte. Jedes Jahr schaut er vorbei. Er hat mir ein Geschenk mitgebracht. Es ist eine silberne Schale. Ach, der Gute. Dass er immer so nett an mich denkt, rührt mich. Ich stelle die Schale auf den Tisch. „Und, was tun wir hinein?“, frage ich. „Knabberzeug, eine Kerze oder lieber das Tischfeuerwerk?“ „Wieso was hineintun?“, fragt Silvester. „Na, das sieht doch nach nix aus. Nur so ne Schale. Das macht mich nervös.“ „Aha“, sagt Silvester, „eine leere Schale macht dich nervös. Da würde ich mal drüber nachdenken, so am letzten Tag des Jahres.“ „Wieso?" - „Naja, könnte ja sein, dass dir das nicht nur bei der Schale so geht." Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Aber er ist hellwach. „Schlag mal deinen Terminkalender auf. Ist da Leere? Nein. Weil Leere dich nervös macht. Du hast das nächste Jahr schon vollgestopft bis oben hin mit Treffen, Terminen und Projekten. Aber wie soll Gott dir was schenken, wenn deine Schale bis zum Rand oben voll ist? Wo soll er hin mit dem, was er für dich hat? Mit einem lieben Wort, mit einem himmlischen Fingerzeig? Mach deine Schale leer. Werde halt in Gottes Namen ein bisschen nervös. Erst mal. Und dann schau dich um, rieche, atme. Sei einfach da. Und lass dich beschenken.“

Pastor Lutz Tietje in der Kolumne der Kirchen im Stader und Buxtehuder Tageblatt