Pastorin Christa Haar-Rathjen

Mikado

An einem verregneten Sommertag habe ich Mikado gespielt: Dieses Spiel mit den Stäben, die kreuz und quer liegen und die man nach und nach vorsichtig wegnimmt, ohne dass ein anderes wackeln darf. Ganz behutsam versuchte ich, ein Stäbchen nach dem anderen abzulösen. Bald war der Punkt da, wo man nichts mehr wegnehmen konnte, ohne dass irgend etwas wackelte. Und dabei waren meine Mitspieler nicht pingelig. Da kenne ich ganz andere: So Supergenaue, die sofort rufen: "Ha, ich hab's gesehen. Es hat gewackelt. Du bist raus, ich bin dran!" Mir macht das Spiel Spaß, wenn alle bereit sind, ein Auge zuzudrücken und nicht gnadenlos jeden kleinen Fehler des anderen anprangern oder ausnutzen, sondern wohlwollend auf die Mitspieler reagieren.

So wie im richtigen Leben: Niemand kann durchs Leben gehen, ohne Fehler zu machen. Und manchmal gibt es Situationen, in denen man in jedem Fall etwas falsch macht, egal welche Entscheidung man trifft. Dann tut es gut, dass es Menschen gibt, die in der Lage sind, mal ein Auge zuzudrücken, die eine Fehlerkultur haben, bei der sie Gnade üben. Jesus hat es uns vorgelebt. Spielen wir doch öfter Mikado, damit wir diese Kultur nicht aus den Augen verlieren.

Pastorin Christa Haar-Rathjen in der Kolumne der Kirchen im Stader und Buxtehuder Tageblatt