Pastor Lutz Tietje

Als ich einmal Gott traf

„Schön, dass Sie so schnell gekommen sind", sagt die Pflegerin zu mir. „Frau B. hat ja sonst niemanden." Ohne anzuklopfen betreten wir das Zimmer. Frau B. liegt in ihrem Bett und hat die Augen geschlossen. Ich sehe nur ihren Kopf, das schüttere Haar, die Wangen eingefallen, der Mund ohne Zähne, der schmale Körper komplett unter der Decke verborgen. Die Pflegerin geht zum Kopfende des Bettes, schüttelt und drückt etwas am Kissen herum. „Schauen Sie, wer gekommen ist", flüstert sie. Frau B. öffnet die Augen nicht. „Ich lasse Sie dann mal allein", sagt die Pflegerin.

Ich trete an das Bett, lege meine Hand auf ihre Schulter, sage halblaut: „Hallo Frau B., jetzt bin ich da." Ich ziehe mir einen Stuhl heran, setze mich. Erst nach ein paar Augenblicken, als ich so da sitze und ihrem leisen Atmen zuhöre, bemerke ich Gott.

Er sitzt in der Ecke. Wie lange schon? Ich hätte ihn nicht bemerkt, wenn da nicht dieses Summen gewesen wäre. Gott sitzt da und summt. Er summt eine leise, leichte Melodie. Ein Lächeln schwingt in ihr mit. Ich bin irritiert. Ich schaue zu ihm hinüber, schaue zu Frau B.. Da steht Gott auf und drückt mir das Büchlein in die Hand. Ich nehme es zögernd, schaue auf das Buch, dann wieder auf das Gesicht von Frau B., und stehe auf. Ich schlage das Buch auf, da wo das Lesezeichen drin liegt. Da steht Psalm 23. Ich schaue zu Gott. Er lächelt, nickt mir aufmunternd zu. „Sie kennt ihn schon", sagt er. Ich beginne zu lesen. „Der Herr ist mein Hirte… Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang." Ich halte inne. Atme aus. Blättere um. Auf der nächsten Seite steht das Lied „Befiehl du deine Wege". Ich zögere. Gott nickt mir wieder lächelnd zu. Ich fange an zu singen. Erstaunlich fest ist meine Stimme.

Lutz Tietje