Pastorin Christa Haar-Rathjen

Denken und Fühlen

Eine Menschenkette als Zeichen für ein tolerantes Miteinander und gegen Rassismus reichte kürzlich vom Harsefelder Rathaus bis zu einer Flüchtlingsunterkunft in der Herrenstraße. Acht Minuten und 46 Sekunden -, so lange schwiegen wir rund 45 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es ist die Zeitspanne, die ein US-Polizist bei einer Verhaftung dem schwarzen US-Bürger George Floyd gewaltsam die Luft abdrückte, bis er starb. Acht Minuten und 46 Sekunden, um sich Gedanken zu machen, wie sich das wohl anfühlt, keine Luft zu bekommen. Zeit, um Menschen zu gedenken, die Gewalt erleben mussten, weil andere nicht akzeptieren, dass die Menschenrechte für alle gelten. Zeit, um Passanten an der Menschenkette vorbei ziehen zu lassen: Was denken und was fühlen sie? Die Angestellte, die von der Arbeit ins Wochenende fährt, die Familie im Wohnmobil, der Autofahrer, der Vollgas gibt, das Mädchen, das mehrmals an der Menschenkette vorbeiradelt, die Autofahrerin, die den Daumen hebt, aber keine Zeit hat, sich selbst einzureihen, die Pizzabäcker und Verkäuferinnen, die den Demonstrierenden Pizzastücke schenken. Wer sich im Denken und im Fühlen von den Erfahrungen anderer Menschen berühren lässt, hat es leichter, selber respektvoll und friedlich zu handeln. Denn, was die Hoffnung auf Frieden und Zusammenhalt angeht, da stimme ich dem Lied zu, mit dem die Teilnehmenden bei der Abschlusskundgebung den Abend beschließen: „Deep in my heart, I do believe, that we shall overcome some day.“

Pastorin Christa Haar-Rathjen im Stader und Buxtehuder Tageblatt