Martin Krarup

Begegnung in 2D

„Nach Rücksprache mit Christian Drosten gehe ich davon aus, dass ich Euch nicht zu meinem Geburtstag einladen kann.“ So fing eine Mail an, die ich vor zwei Wochen bekam. So weit, so erwartbar – und so traurig. Aber dann kam eine ungewöhnliche Einladung. Auf einer Internetseite war ein Bild ihres Wohnzimmers. Auf dieser Fläche konnte man sich hin- und her bewegen. Das selbst eingeschenkte Weinglas in der einen, die Maus in der anderen Hand. Wenn mein digitales Ich einem anderen näherkam, entstand automatisch eine Videokonferenz mit dieser Person.

Das funktionierte tatsächlich. Wir bewegten uns zwischen Freunden und Bekannten aus längst vergangenen Zeiten, frischten Erinnerungen auf. Und beendeten Smalltalk wie sonst auf Festen: „Ich muss unbedingt noch mit dem Geburtstagskind sprechen!“ Ich habe an dem Abend zwei Dinge gemerkt. Zum einen hat mir in den letzten Monaten der Schnack gefehlt: Einfach mal über dieses und jenes reden – mit Menschen, die nicht zu meinem nächsten Umfeld gehören.

Bei alledem, was Videokonferenzen in diesen Zeiten privat und dienstlich möglich gemacht haben: Es bleibt immer ein sehr direktes Gespräch, meist mit einem festgelegten Zweck. Da war der Geburtstag in der letzten Woche eine wunderbare Abwechslung.

Und gleichzeitig ließ er uns spüren, wo auch hier die Grenzen lagen: Aller Kontakt spielte sich nur auf dem Bildschirm ab. Die Umarmungen fehlten. Die Freiheit, selbst den Abstand zu den anderen zu wählen. Und schließlich der Blick, der über den Raum schweift und die Stimmung aufnimmt.

Traurig, dass all das noch nicht wieder geht. Aber bis dahin habe ich mir vorgenommen, Begegnung in 2D und 3D sorgsamer zu gestalten. Mit dem Bewusstsein, dass es einzigartigen Menschen, denen ich begegne, genauso geht wie mir.