Pastor Lutz Tietje

Muttertag

Ob ich einen Blumenstrauß kaufe und hinfahre? Vielleicht. Erwartet wird es nicht. Da ist niemand beleidigt, wenn ich nicht vorbeischaue. Alle wissen: Hat ja so viel zu tun, der Junge, braucht auch mal seine Ruhe. Also einfach ein Anruf? So wie sonst auch, mal am Wochenende, mal zwischendurch? Ist das nicht ein bisschen wenig am Muttertag?

Ich bin da hin- und hergerissen. Denn ich mag den Muttertag nicht. Er ist mir zu organisiert, zu gewollt und zu befohlen. Er hat mir zu viel mit Geschäftemacherei zu tun. Von der Werbung möchte ich mir nun wirklich nicht sagen lassen, wann ich meine Mutter besuchen soll und wann nicht.

Ich habe Probleme mit dem Muttertag. Aber ich habe auch eine Mutter. Und in der Bibel heißt es: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Das finde ich wichtig, nicht nur um der Väter und Mütter willen. Denn unsere Gesellschaft davon lebt, dass Menschen einander achten, respektieren und zeigen, wofür sie dankbar sind. 

Als mein Bruder und ich klein waren, da haben wir einmal am Abend vor dem Muttertag ein Gedicht geschrieben. Bei aller Anstrengung – das Ergebnis war bescheiden: „Herz“ reimte sich auf „Schmerz“ und „Mutter“ auf „Butter“. Mehr war dichterisch nicht drin. Und dass wir „Goethe“ unter diese Zeilen geschrieben hatten, machte das Gedicht nicht besser. Mutter freute sich trotzdem und nahm uns in den Arm. Inzwischen ist sie alt. Bald achtzig. Jetzt bin ich der, der sie in den Arm nimmt. Und wer weiß, wie lange ich das noch tun kann. Also doch hinfahren?

Lutz Tietje