Heinz Behrends fühlt Demokratie und Kirchenvertretern den Puls

Unter der Fragestellung „Kann die Kirche die Demokratie retten?“ fühlte Heinz Behrends der aktuellen Lage im Land mit seinem Referat vor dem Kirchenkreistag in Buxtehude den Puls.Der pensionierte Superintendent tastete die heutige Gesellschaft von vielen Seiten ab und diagnostizierte den Gesundheitszustand der Demokratie mithilfe eines Zitates des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: „Ich bin das Gegenteil von gelassen, zumindest, was die Zukunft der Demokratie betrifft.“

Doch Behrends sieht sich nicht als Schwarzmaler, sondern als ein „hoffnungsgesättigter Protestant“.

Wir seien heute „Zeitzeugen einer Verwandlung bis in unseren Alltag hinein“. Nach 1989 müsse die Demokratie vielfach neu begründet werden. Für ihn sind dafür nicht die Flüchtlingsbewegungen seit 2015 entscheidend, sondern bereits die Finanzkrise habe die Glaubwürdigkeit der Demokratie erschüttert.

Ein Paradigmenwechsel sei unter anderem dadurch gegeben, dass Geld nicht mehr vorrangig durch Erwerbsarbeit verdient werde, sondern Menschen „mit Geld Geld machen“. Große Namen, mit denen Deutsche sich identifiziert haben, wie Deutsche Bank oder VW, seien Betrüger „ohne Reue und Schuldspruch“.

Die Menschen erleben einen Kontrollverlust in vielen Bereichen. Die Folgen der Digitalisierung seien noch nicht absehbar. Die Versprechen der Demokratie, es durch berufliche Qualifizierung und effektive Arbeit zu etwas zu bringen, hielten nicht mehr. Beziehungsstabilität sei nicht mehr gegeben. Der Grundwert der Demokratie „Alle Macht geht vom Volke aus“ sei keine Verfassungswirklichkeit mehr. Was Menschen erleben, sei die Macht des Geldes. In unserem Land haben wir zwar noch die freie Meinungsäußerung, jedoch sei diese durch eine Aufmerksamkeitskultur, in der bestimmte Themen medial aufgepuscht werden, in Gefahr.

In dieser Situation finden Populisten fruchtbaren Boden, indem sie für sich beanspruchen, anstelle der regierenden Elite Vertreter des Volkes zu sein. In anderen Ländern sehe man aber, dass Populisten, die die Regierungsmacht erhalten haben, die Justiz (Polen), und die Presse (Türkei, Russland) gleich schalteten und echte Opposition diskreditierten (Türkei).

Als Demokrat dürfe man die derzeitige Gefährdung nicht unterschätzen. An die Stelle von Differenzierung treten einfache Antworten und Lügen. Dem gelte es als Kirche entgegenzutreten, denn für Behrends gilt: „Die Demokratie ist die Schwester des Evangeliums.“ Werte wie Freiheit, Verantwortung, Nächstenliebe werden darin verkündigt. Nach seiner ernüchternden Diagnose zum Zustand der Demokratie beantwortet Behrends die Ausgangsfrage des Referates also mit Ja, denn die Kirche hat laut Behrends Potential für die Rettung der Demokratie. Christen seien Experten für das Thema Wahrheit und Lüge. Auch die Volkskirche dürfe sich den Begriff des Volkes nicht wegnehmen lassen durch Populisten.

Sogleich fand er jedoch (selbst-)kritische Töne gegenüber seiner eigenen Institution: Er habe wie viele Jahrzehntelang den lieben Gott gepredigt und den im Neuen Testament ebenfalls enthaltenen Gerichtsgedanken verschwiegen oder verniedlicht. Dabei sei die Welt vom Bösen umgeben, besonders wenn man nach Syrien schaue.

Was diese Aussage mit dem Demokratieverständnis zu tun hat, blieb an diesem Abend offen.

In kirchlichen Gremien sei zu wenig Debattenkultur an der Tagesordnung, und Sitzungen der Kirchenparlamente erschöpften sich in Berichten. Die geringe Wahlbeteiligung bei den Kirchenvorstands-Wahlen sei beschämend, die Landessynode nicht in Direktwahl gewählt. (Landes-) Kirchenämter statt Kirchenparlamenten bestimmten die Politik.

„Was lasst ihr euch alles diktieren aus Hannover!“, rief er seinen Zuhörern zu. Nach einer lang ausgeführten Bestandsaufnahme folgten in aller Kürze einige Ratschläge an die Delegierten des KKT: Durch ihren Netzwerkcharakter seit über 1000 Jahren und mit mehr Filialen im Land „als die Sparkasse oder Aldi“, habe die Kirche gute Voraussetzungen für unmittelbare Begegnungen zwischen den Menschen, und der sog. „besorgte Bürger“ müsse hier Gehör finden. Kirchengemeinden müssten Plattform sein für Gespräche über das, was den Ort beschäftigt, und zwar besonders, wenn es sich um konkrete Themen oder Probleme handele. Kirchenkreistage sieht er als Foren für die Debatte und Suche nach der Wahrheit. Er regte an, aktuell und „wachsam zu sein und vom Evangelium her Position zu beziehen in Predigt, Gesprächen und Sitzungen.