„Das berührt emotional“ - Orgeltalk in farbig illuminierter St. Petri Kirche

Nachricht 07. Oktober 2026

Zu groß für leise Meinungen!

V. l. n. r.: Annegret Schönbeck, Sybille Groß, Benjamin Dippel, Daniel Kaiser, Ulfert Smidt und Christoph Schönbeck. Foto. C. Haar-Rathjen

Buxtehude. Kekse in Orgelform, Früchte und Getränke sind aufgetischt im Altarraum der St. Petri Kirche. Kreiskantorin Sybille Groß hat eingeladen zum Orgeltalk am 1. Oktober. „Zu groß für leise Meinungen“ sei die Orgel - so kündigte sie die Talkrunde an, für die sie den vom NDR bekannten Daniel Kaiser als Moderator gewann. Er wird an diesem Abend die Talkgäste zur Zukunft der Orgelmusik und der Orgeln interviewen.

Orgelentdeckertage mit über 400 Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche für das Instrument und das Orgelspiel zu begeistern, dazu finden in diesem Herbst zum 11. Mal niedersachsenweit die Orgelentdeckertage statt, unter deren Flagge auch der Orgeltalk „segelt“. Interaktive Schulorgelkonzerte mit insgesamt über vierhundert Schülerinnen und Schülern gibt es derzeit z. B. in Buxtehude, Harsefeld und Horneburg. Dazu kommen Orgelbau-Workshops und weitere Mitmachangebote der Organist:innen unserer Region. Im Nachbarkirchenkreis Stade finden zeitgleich die Orgeltage statt.

Für den musikalischen Rahmen sorgen Sybille Groß an der Chororgel und Daniel Kaiser an der Querflöte in der farbig illuminierten St. Petri Kirche.

Die Talkrunde

Die Runde der Talkgäste besteht aus Expert:innen rund um die Königin der Instrumente:

  • Benjamin Dippel, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers,
  • Ulfert Smidt, ehemaliger Organist an der Marktkirche in Hannover und aktuell Dozent an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in der Landeshauptstadt,
  • Christoph Schönbeck vom Landschaftsverband Stade, verantwortlicher Redakteur und Produzent bei NOMINE e. V. , Verein zur Förderung der norddeutschen Orgelmusikkultur in Niedersachsen und Europa,
  • Annegret Schönbeck, Künstlerische Leiterin der Orgelakademie Stade e. V., Kirchenmusikerin und Sängerin
  • sowie die Gastgeberin Sybille Groß, Kreiskantorin im Ev.-luth. Kirchenkreis Buxtehude.

Daniel Kaiser: Wie kann man die nächste Generation begeistern für das Erbe der Orgel?

Sybille Groß: „Wir erleben bei den Entdeckertagen, dass einige Kinder Interesse entwickeln über die Technik der Orgel, andere über den Klang  - oder beides. Es kommen sofort Fragen.“ Annegret Schönbeck lässt bei Schulorgelkonzerten die Kinder und Jugendlichen zur Orgelmusik in die Kirche hineingehen. „Das berührt sie emotional. Einige sagen: Ich habe mich ganz wichtig gefühlt.“ Viele kommen in der Pubertät, wenn z. B. durch den Konfirmandenunterricht mehr Kontakt zur Kirche entsteht. Das Kirchenerlebnis insgesamt sei wichtig, ein spannender Raum, den zu entdecken sich lohne.

Es kommt auch darauf an, den Kontakt zu halten, betonen Sybille Groß und Annegret Schönbeck. Im Jugendorgelforum erleben die jungen Menschen Gemeinschaft mit Gleichgesinnten.

Benjamin Dippel ergänzt: Durch die vielfältigen Initiativen in der Landeskirche werde die junge Generation erreicht – allein bei den Orgelentdeckertagen seien es „in elf Jahren über 30.000 Kinder und Jugendliche, die an Veranstaltungen teilgenommen haben.“

Er berichtet von seinem eigenen Zugang zur Orgel. nachdem eine Lehrerin seine Schulklasse in die Kirche an die Orgel geführt hatte, sei der Funke übergesprungen und er begann im Alter von neun Jahren mit dem Orgelunterricht. Später habe er bei seinen Eltern Überzeugungsarbeit geleistet, dass das Orgelstudium keine „brotlose Kunst“ sein müsse.

Christoph Schönbeck betont die weltweite Relevanz des Themas Orgel. Er hat zahlreiche Orgelreisen organisiert, CDs mit Musik der Orgeln des Elbe-Weser-Dreiecks und mittlerweile Youtube-Videos in erstklassiger Klangqualität produziert. „Unser Ansatz ist, die Orgelkultur sexy zu machen. 50 Prozent der Orgelreisenden sind übrigens internationale Gäste.“ Die Angebote von Nomine e.V.  erreichen überwiegend ein erwachsenes Publikum. Wichtig sei schon der „First contact“ in der Jugend.

Auch Ulfert Smidt ist es wichtig, die Leute dort abzuholen, wo sie sind. Der Hochschullehrer für Orgelmusik schätzt auch aktuelle Zugänge, z. B. von der britischen Orgelkünstlerin Anna Lapwood, die u. a. im Kölner Dom moderne Filmmusik an der Orgel spielt, ihre Auftritte postet und in den Social Media viele Follower hat. Außerdem fördere sie junge Menschen an der Orgel, insbesondere Mädchen. Die Unterscheidung von Unterhaltungs- und ernsthafter Musik sei überholt. „Qualität ist wichtig. Es kommt darauf an, dass die Musikrichtung authentisch rüberkommt.“

Sinnliches Erleben – Erhalt eines kulturellen Erbes

Daniel Kaiser plädiert für mehr Sinnlichkeit und Gefühl beim Arrangement von Kirchenkonzerten, z. B. mit visuellen Effekten. Im zweiten Teil des Abends lenkt der Moderator, der u.a. vom Radiosender NDR-90,3 und vom Podcast „eat.READ.sleep“ bekannt ist, das Gespräch auf die Zukunft des Kulturgutes Orgel. Das ist die Frage nach der Orgelpolitik: Wer wird sich in Zukunft um die historischen Orgeln kümmern, wie lassen sich Restaurierungen finanzieren?

Allen ist der Erhalt der bedeutenden historischen Orgeln wichtig. Einheimische nähmen jahrzehntelang ihre Orgeln als selbstverständlich wahr. Sobald „ihre“ Orgel gefährdet sei, kommen die Leute aus ihren Häusern: „Die gehört doch zu unserem Ort, die muss erhalten werden.“ Christoph Schönbeck: „Es gibt Orgelpfeifen, die hat seit 500 Jahren niemand verändert. Das ist der Klang der Geschichte.“

So sind sich in Fragen der Finanzierung und Erhaltung der Orgellandschaft Elbe-Weser, die 2017 zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, alle Talkgäste einig: Die Kirchenverantwortlichen werden zukünftig noch stärker auf öffentliche und private Förderungen zugehen. Auch EU-Mittel können eingeworben werden. Sie wünschen sich dabei Unterstützung durch die kommunale und überregionale Politik und durch ehrenamtliches Engagement.

Stimmen aus dem Publikum

Nina Gerke ist an diesem Abend aus Stade nach Buxtehude gekommen. Die nebenamtliche Organistin, die sich gerade auf eine Orgelprüfung vorbereitet, freut sich über „den anderen Blickwinkel der Orgelfachleute. Was an politischer Verantwortung dahinter steht, war mir nicht so bewusst. Klassik wie Pop sind ok in der Kirche. Cool, das auch mal `von oben´ zu hören.“ 

Helga Peters und Heiner Penner aus Buxtehude nehmen aus dem Orgeltalk mit, „dass es Hoffnung gibt, dass das Orgelspiel Zukunft hat.“ Beide engagieren sich ehrenamtlich in der Stadt und in der St. Petri Gemeinde und haben den Erfolg von Netzwerkarbeit erlebt.

Annegret Schönbeck bringt eine Vision für 2040 auf den Punkt: „Ich sehe Menschen auf den Orgelbänken sitzen, die bei den Orgelentdeckertagen und dem Jugend-Orgelforum musikalische Förderung und eine tolle Gemeinschaft erleben durften. Und diese Erfahrungen tragen sie dann weiter in die Gemeinden.“

Christa Haar-Rathjen